Spielen oder nicht Spielen, das ist hier die Frage

Ein Selbstgespräch über das Jahreskonzert des Fördervereins (Sonntag 29. November 2020)

Eine leere Bühne
Leere Bühne

Immer mit der Marmeladenseite auf den Boden!

Kennt Ihr das? Wenn Dir mal das Frühstücksbrot herunterfällt, dann immer mit der Marmeladenseite auf den Boden! Genau das habe ich gedacht, als die Zeit wieder gekommen ist, das Jahreskonzert des Fördervereins in der Liederhalle zu planen. Gerade erst den Lockdown einigermaßen überstanden, eine halbwegs realistische Chance gesehen, doch das Konzert zu veranstalten, und dann so was; dieses Jahr sind ausgerechnet die Blasorchester dran! Wo doch Bläser wie auch Sänger mit ihren Aerosolen besonders bedenklich sind ... . Voll die Marmeladenseite, und das mit einer ordentlichen Schicht!

Was nun?

Wie Ihr wisst, ist der jährliche Wechsel der Orchester und auch der Dirigenten feste Tradition: abwechselnd Herr Adiarte und Herr Beer; und dieses Jahr ist eben Herr Beer mit JuBO, JBO und SJBO dran. Das schaffen wir trotzdem, dachte ich voll motiviert. Was ist zu tun?
Erstens: Corona-Verordnung lesen, sich über bereits von anderen entwickelte Hygienekonzepte informieren, mit der Liederhalle sprechen, eigenes Hygienekonzept erstellen. Was sehen wir da? Mit den verordneten Abständen sowohl für die Musiker (besonders Bläser) wie auch für das Publikum wird uns unser gewohnter Mozartsaal zu klein! Können wir uns denn einen größeren Saal leisten? Paradoxerweise gerade wegen Corona können wir fast zum Preis des Mozartsaales auch den Beethovensaal bekommen!

Toll, wir schaffen es also doch!

Also zweitens: Saalbegehung mit dem Dirigenten organisieren, Abstände abmessen, planen. Das wird gut! Moment, doch nicht ... mit den Abständen (Musiker, Dirigent, Publikum) haben die jeweils 70 Musiker pro Orchester nicht genug Platz. Dann die gute Nachricht - die Bühne im Beethovensaal kann man ganz flach machen und somit Platz nach vorne gewinnen. Also doch gut! Wir machen es! Aber halt, drittens: die musizierenden Schüler brauchen natürlich eine Garderobe, müssen ihre Instrumente und Mäntel irgendwie aufbewahren und sich selbst auch irgendwo aufhalten können.

Oh je, das schaffen wir nicht!

Laut der Verordnung und der Schulleitung dürfen sich die einzelnen Orchester überhaupt nicht begegnen! Was nun? Das JuBO verzichtet, wir sind dankbar, und ein Konzert mit „nur“ zwei Orchestern scheint wieder machbar, also; wir schaffen es doch!Viertens: Das Publikum muss registriert werden. Normalerweise hatten wir den Mozartsaal immer voll (625 Plätze). Der Beethovensaal, welcher an die 1000 Sitzplätze hat, darf nach unserem Corona-Plan nun von etwa 300 Leuten besucht werden. Aber zählen da jetzt die Orchestermitglieder mit? Oder nur Publikum? Also nochmals recherchieren. Dann die rettende Idee: Während das eine Orchester auf der Bühne spielt, sitzt das andere auf der Empore und dann tauschen sie in einer aufwendigen Choreografie, um den vorgegebenen Abstand zu halten. Das bedeutet leider, dass wir mitten im Konzert (während des Orchestertauschs) die Bühne komplett desinfizieren lassen müssen! Aber unserem Vorsitzenden fällt da bestimmt eine schöne Geschichte ein, mit der er das Publikum so lange (ca. 15 min!) unterhalten kann.

SJBO  auf der Bühne der Liederhalle (Archivfoto)
SJBO  auf der Bühne der Liederhalle (Archivfoto)

Wir schaffen es doch, die Stimmung hebt sich wieder.

Die andere gute Nachricht ist, dass wir mit EasyTicket die Reservierungen und somit auch die vollständige Registrierung des Publikums gewährleisten können. Toll! Kostet zwar etwas, macht das Konzert aber möglich. Also läuft alles! Gerade fertig mit dem neuesten Hygienekonzept, wollte ich schon den Vertrag unterschreiben, als uns fünftens Bedenken von oben erreichen: ob wir nicht doch bitte das Konzert in zwei kleinere splitten könnten ... z.B. 11 Uhr JBO und 17 Uhr SJBO. Dann wäre es mit dem „nicht Begegnen“ und „getrennt Proben“ doch leichter... Oh nein! Also schon wieder ein neues Konzept und einen neuen Plan erstellen; aber das schaffen wir schon ... irgendwie ... oder? Halt! Aber das Programm ist doch jetzt schon im Druck, und außerdem, wie sollen wir das jetzt mit EasyTicket machen? Geht das denn überhaupt? Gerade wollten wir wieder loslegen mit neuinformieren und neuverhandeln, als mich die Nachricht erreicht, dass immer mehr Stuttgarter Schulklassen in Quarantäne geschickt werden.

Dann kurz innehalten; Nachdenken.

Sechstens: Geht das alles noch überhaupt? Ist das denn für die Schüler*innen unserer Musikschule überhaupt möglich, unter diesen Umständen zu proben? Können und wollen die Dirigenten auf die Bühne gehen nach vielleicht gerade mal einer Tutti-Probe? Und was ist mit Schüler*innen, die in Quarantäne müssen? Was, wenn es mehr werden? Was, wenn die Orchester dann doch nicht spielen können? Werden die Eltern das unter diesen Umständen überhaupt noch unterstützen wollen? Und vor allem, siebtens: wollen wir uns unter diesen Umständen der Liederhalle vertraglich verpflichten? Macht es Sinn, das Geld in Storno-Gebühren zu investieren, wenn die Wahrscheinlichkeit, am Schluss tatsächlich spielen zu können, so gering ist?

Plötzlich kommt noch eine letzte hoffnungsvolle Idee!

Achtens: Live Streaming, ohne Publikum. Und doch wieder die Frage der Kosten und deren Balance. Zwar hat der Förderverein im Corona-Jahr nicht viel Geld ausgegeben und könnte deswegen das Jahreskonzert, egal in welcher Form, diesmal vollständig finanzieren. Aber die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, drängt sich immer deutlicher auf. Es kommen doch bestimmt wieder bessere Zeiten, in denen richtiges Musizieren wieder möglich ist und in denen wir lieber das Geld den Schüler*innen, ihren Konzerten und vielleicht wieder Konzertreisen zugute kommen lassen werden ...

Also die schwerste Entscheidung überhaupt:

Nachdem wir das 20-jährige Jubiläum des Fördervereins gefeiert haben und letztes Jahr das 15. Jahreskonzert organisiert haben, sagen wir zum ersten Mal ab! Ich kann euch gar nicht sagen, wie traurig dieser Moment war! Wie unwirklich! Man fragt sich dann immer wieder: Haben wir wirklich alles versucht? Alles ausprobiert? Doch das Zeitgeschehen gab uns leider recht. Kurz nach unserer offiziellen Absage kam der zweite Lockdown und die Musik verstummte überall... Welch ein trauriger Monat, welch ein schwieriges, gefährliches Jahr, welch eine Zeit. Wenigstens haben wir das Geld nicht verschwendet und können es in Zukunft für die Schüler*innen der Stuttgarter Musikschule besser verwenden. Aber ein Karussell der Gefühle war das, sag ich euch. Deshalb auch jetzt diese Leere ...

Ich wünsche uns allen, dass wir das alles gut überstehen und gesund bleiben oder werden. Bleibt zuhause und macht weiter Musik! Es wird wieder eine Zeit kommen, da können alle wieder gemeinsam musizieren und dann sind wir, der Förderverein, mit unseren Kräften, Ideen und Mitteln wie immer für Euch da!

Für den Vorstand
Dorota Welz

Jahreskonzert des Födervereins 2019 (Archivbild)
Jahreskonzert des Födervereins 2019 (Archivbild)


    
     

(Erstellt am 01. Dezember 2020)

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