„Ohne meine Lehrer wäre ich heute nicht da, wo ich bin!“

Cornelius Meister, Generalmusikdirektor der Stuttgarter Staatsoper, kommt zum Gespräch in die Stuttgarter Musikschule. Eingeladen hat Felipe Valerio, Leiter der Studienvorbereitenden Klasse (STUVO). Die Erwartung ist groß. Im Karl-Adler-Saal warten einige Schüler*innen der Studienvorbereitenden Klasse. Cornelius Meister ist nicht nur Generalmusikdirektor. Er ist eine Größe im Musikbusiness, er dirigiert auf der ganzen Welt. In Stuttgart ist Cornelius Meister ein A-Promi. Wie wird er sein? Abgehoben? Oder abgehetzt, bei all den Terminen rund um die Welt?
 

Cornelius Meister wirft Notenblätter in die Luft
„Kommt nach dem Konzert gerne kurz bei mir vorbei. Das würde mich freuen.“ Cornelius Meister, Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart, Foto © Matthias Baus

Der Generalmusikdirektor kommt mit dem Fahrrad.

Der Generalmusikdirektor kommt mit dem Fahrrad. Er legt den neongelben Helm auf den Tisch, setzt sich zum Gespräch mit Felipe Valerio. Und ist da. Wirklich da. Sehr freundlich und höchst sympathisch. Die Fragen beantwortet er nicht routiniert, sondern mit Interesse. Immer sucht er Bezug zu den jungen Zuhörer*innen.

Mal unter uns, liebe Leserinnen und Leser: Kann ein so freundlicher Mensch ein Orchester wie das Staatsorchester bändigen? Das sind immerhin 140 Musiker*innen und selbstbewusste Charaktere. Braucht es da nicht eher einen Typ wie Herbert von Karajan? Im Laufe des Gesprächs wird deutlich, was die Autorität von Cornelius Meister ausmacht: Seine unglaubliche Kenntnis von Musik. Seine hohe Fähigkeit, sich konzentrieren zu können, ganz da und präsent zu sein - wie jetzt im Gespräch. Sein feines Gespür, wie die „Zahnrädchen“ bei einem Orchester ineinandergreifen. „Ein Staccato ist für einen Blechbläser etwas ganz anderes als für einen Streicher … Wo greift man als Dirigent ein, wo lässt man spielen, wie findet man bei kleinen Unfällen wieder zusammen.“ Und last but not least: seine Begeisterungsfähigkeit. Mitreißend!

Dann passiert der glückliche Zufall.

Natürlich interessiert die Schüler*innen die Zeit, als Meister selbst noch Schüler an der Musikschule war. Auch er hat mehrfach bei Jugend musiziert teilgenommen. Erfolgreich. Er schwärmt von seinen Lehrern und sagt bescheiden: „Ohne meine Lehrer wäre ich heute nicht da, wo ich bin!“ Meister hatte zunächst Klavierunterricht, später hat er Cello und Horn dazugelernt. „Eigentlich weiß man erst dann, wie man eine Kantilene auf dem Klavier spielt“, sagt er schmunzelnd.

Studiert hat er bei seinem Vater, Klavierprofessor in Hannover. Das Dirigieren hat ihn bald im Studium interessiert. Also fragt er nach und bekommt die Antwort: „Dirigieren ist etwas für die höheren Semester. Warte noch! Da brauchst Du mehr Erfahrung.“ Dann passiert der glückliche Zufall. „Und so ein Zufall kann ganz entscheidend sein in einer Karriere“. Der Dirigent Gerd Albrecht lädt ihn als Klaviersolisten ein, spürt sein Interesse am Dirigieren und ermutigt ihn, Dirigieren zu studieren, „um so früh wie möglich Erfahrung zu sammeln.“

Sitzfleisch. Zum Glück habe ich Sitzfleisch.

„Ich wollte unbedingt mit anderen Musik machen, das macht mir Freude“. Bei Meister klingt das nicht nach einer Floskel. Bei ihm ist das Motor und innerer Antrieb. Bereits mit 25 Jahren wurde Meister Generalmusikdirektor in Heidelberg. Nach sieben Jahren ging es zum ORF Radio-Symphonieorchesters Wien, 2018 wurde er zum GMD in Stuttgart berufen. Inzwischen hat er drei Kinder und fühlt sich sehr wohl in Stuttgart. Angesprochen ob er eine besondere Begabung hat, antwortet er lächelnd: „Sitzfleisch! Zum Glück fällt es mir nicht schwer, mich hinzusetzten und Partituren ausdauernd zu studieren“.

Amüsant erzählt er von kleinen Pannen bei Auftritten mit seinem Duo-Partner an der Klarinette. „Wir haben oft auswendig gespielt, einmal war ich völlig raus, dann haben wir uns wieder gefunden. In diesem Moment war der Fehler richtig schlimm, im Nachhinein aber eher gut. Sich jederzeit wieder zu finden und zur Not auch mal zu improvisieren, ist eine ganz wichtige Fähigkeit als Musiker“.

Sitzrunde mit Felipe Valério, Cornelius Meister und anderen
„Cornelius Meister im inspirierten Gespräch mit Felipe Valerio, Leiter der Studienvorbereitenden Klasse der Stuttgarter Musikschule“ Foto © Oliver Hasenzahl

Plötzlich juckt es über dem Auge.

Dann ist Fragerunde: Wie läuft ein Probespiel beim Orchester ab? Glauben Sie, dass die Klassische Musik in 20 Jahren noch gefragt ist? „Ja! Bach begeistert uns seit über 300 Jahren und wenn jemand in 20 Jahren Bach nicht kennt, kein Problem, wir begeistern ihn oder sie für diese Musik, dann wird er oder sie ähnlich begeistert sein wie wir."

Meister erzählt von dem Stück 4.33 Minuten. John Cage hat es „komponiert“. 4.33 Minuten wird kein einziger Ton gespielt. „Das ist richtig anstrengend. Es kostet volle Konzentration, das auszuhalten. Plötzlich juckt es über dem Auge und solche Sachen. Es gibt sogar eine Aufnahme von diesem Stück mit mir, sagt er und lacht. Direkt danach haben wir eine Haydn Sinfonie gespielt." Meister setzt sich an den Flügel und deutet den Anfang der Haydn Sinfonie an… auch hier ein Meister des feinen Klangs. 

Kommt nach dem Konzert gerne kurz bei mir vorbei.

Die anderthalb Stunden des Gesprächs vergehen wie im Flug. „Kommt gerne in die Oper, das ist wirklich spannend. Wagner ist zwar lang, aber das muss man mal erlebt haben. Oder kommt ins Sinfoniekonzert. Und nach dem Konzert kommt gerne kurz bei mir vorbei. Das würde mich freuen.“ Bei ihm ist das keine Floskel. Man glaubt ihm das.

Weitere Infos unter:
https://www.corneliusmeister.net/
https://www.staatsoper-stuttgart.de/
 
Text: Oliver Hasenzahl

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