Hallo Kinder! – Musik und Bewegung in Coronazeiten

Lieder, Tänze, Sprechverse, lebendiges Treiben im Gruppenraum, gemeinsames Musizieren, konzentriertes Ausprobieren von Instrumenten – das alles und mehr verbinden wir mit „Elementarer Musikpädagogik“. Aber wie ist solcher Unterricht angesichts der starken Einschränkungen durch Corona möglich? Darüber berichten hier EMP-Lehrerinnen (2. Teil)

Nicole Voormann

„Ich bin derzeit in Schulkooperationen im Bereich Stark durch Musik tätig und unterrichte an drei Grund- und Gemeinschaftsschulen Klassenstufen zwischen Klasse 1 und 7. Ich habe aufgrund des Datenschutzes keinerlei Direktdaten der Kinder.  Daher drehe ich seit Beginn des Lockdowns für alle Klassen wöchentlich 10- 15 -minütige Videos oder Audiodateien, deren Links die KlassenlehrerInnen weiterleiten. Diese ergänze ich oftmals mit Briefen, Arbeitsblättern oder auch Rätseln.

Nicole Voormann

Musikangebot zwischen dem Homeschooling

Inhaltlich arbeite  ich mit Liedern, Tänzen, Bodypercussion, wir musizieren mit Alltagsgegenständen und ab und an sende ich ein Bastelangebot inklusive Anregung zum Musizieren mit dem gebauten Instrument. Oftmals versuche ich über zwei bis drei Wochen  an einem Thema dranzubleiben und dies weiterzuentwickeln. Zwischendrin rege ich auch immer wieder Entspannungs- oder Bewegungspausen an als Auflockerung zwischen dem vielen Homeschooling. Bei jedem Dreh der Videos überlege ich mir zum Einstieg einen kurzen spannenden und anschaulichen Themenimpuls. Diese Vorgehensweise  ist den Kindern aus meinem Präsenzunterricht sehr vertraut. Ich bemühe mich, die Kinder direkt und fantasievoll anzusprechen und hoffe, dass ich sie motiviere, im Video mit mir  „mitzuarbeiten“.

Einarbeitung in ein bisher unbekanntes Arbeitsfeld

Was die Technik betrifft, bin ich von der Hardware nicht professionell ausgestattet - ich filme mit dem Tablet - die Qualität ist passabel. In der Handhabe  diverser Bearbeitungs- und Schneideprogramme und auch in  anderen technischen Dingen habe ich inzwischen einiges dazu lernen können - dies war am Anfang sehr zeitintensiv und teils auch nervenaufreibend.

Was kommt zurück?

Ich stehe in regelmäßigem Austausch mit meinen KooperationslehrInnen.  Was Feedback der Kinder und Eltern betrifft, ist es sehr unterschiedlich.  Es gibt Klassen (vor allen die Jüngeren), die wöchentlich schon auf die Videos warten - da kommt dann auch viel Positives der Eltern über die Lehrer an mich zurück, was mich freut und  sehr motiviert. Es gibt aber auch die Klassen, wo die Beteiligung phasenweise gering ist - hier bekomme ich wenig bis gar kein Feedback der Familien. Hier ist die Rücksprache mit den Lehrern besonders wichtig. Diese rühren gerne und immer wieder für die Musikangebote die Werbetrommel - trotzdem wissen wir alle, dass die Belastung der Kinder und Familien im Homeschooling hoch ist. Ein zusätzliches Musikangebot kann teils bereichernd, teils aber auch eine „Pflicht“ zu viel sein.

Was mir fehlt und „gute Aussichten“

So sehr ich auch gerne Energie und Ideen in die Videos stecke, fehlt mir der direkte Kontakt zu den Kindern, deren Freude und Lebendigkeit und das gemeinsame Musizieren sehr! Unser Unterricht lebt von der Interaktion und dem Miteinander. Umso mehr freue ich mich, dass ich ab nächster Woche teils wieder in die Präsenz darf. Die höheren Klassenstufen kehren allerdings noch nicht zurück. Hier geht das Interesse an den Videos auch deutlich zurück. Daher starte ich mit zwei Klassen demnächst den Versuch, über Big Blue Button auf Moodle in  Kleingruppen kurze musikalische Liveimpulse zu geben…ich bin schon sehr gespannt…“

Nicole Voormann studierte Rhythmik mit Instrumentalfach Querflöte in Trossingen und ist seit 2009 an der Stuttgarter Musikschule tätig.

Friederike Gauseweg

Friederike Gauseweg

 „Seit September unterrichte ich die Eltern-Baby-Musik für den Fachbereich EMP. Gestartet sind die Kurse in Kooperationen mit einer Hebammenpraxis und einem Familienzentrum. Von Anfang an haben sowohl die Eltern als auch ich eine Mund-Nase-Bedeckung getragen. Nach kurzer Zeit sind wir coronabedingt in die Räumlichkeiten der Musikschule gewechselt, auch hier durfte weiterhin nicht gesungen werden. Seit Mitte Dezember sehen wir uns nur am Bildschirm: Onlineunterricht. Zum ersten Mal habe ich in die offenen Gesichter der Eltern geschaut, die Eltern in meins. Ein Vorteil des Onlineunterrichts. Ein weiterer Vorteil ist das gemeinsame Singen, wobei „gemeinsam“ hier ein großes Wort ist. Die Eltern zu Hause singen mit mir, sie hören sich gegenseitig nicht. Aber immerhin: Wir dürfen singen und die Kinder in die Melodien der elterlichen Stimme eintauchen lassen.

Unterschiedliche Meinungen zum Onlineunterricht

Die meisten Eltern freuen sich über diesen Onlineunterricht. Es ist eine Zeit, in der sie sich exklusiv mit ihrem Kind beschäftigen, mit dem Kind auf eine andere Art in Kontakt treten, sich gezielt Zeit nehmen für den Kurs und um eine kleine Pause vom Alltag einzulegen.
Es gibt auch Eltern, die ganz klar kommuniziert haben, dass sie nicht am Onlineunterricht teilnehmen möchten, da der Bildschirm und die virtuelle Realität noch kein Bestandteil des Lebens ihrer Kinder sein sollen. Dies ist ein Punkt, mit dem ich mich im Vorfeld und immer wieder neu beschäftige. Aus pädagogischer Perspektive halte ich es für wichtig, Kindern dieses Medium möglichst wenig anzubieten. In meinen Onlinestunden versuche ich daher die Teilnehmer*innen immer wieder dazu anzuregen, den Platz vor dem Bildschirm zu verlassen, sich durch das eigene Zimmer zu bewegen, die Klänge des eigenen Zimmers zu entdecken und das Bildschirmbild für den Moment zu vergessen.

Beziehung von Eltern und Kind

Damit konzentriert sich das Unterrichtsgeschehen wieder mehr auf die Interaktion zwischen Elternteil und Kind. Schon im regulären Präsenzunterricht sind die Eltern die Hauptspielpartner*innen für ihre Kinder. Darüber hinaus lernen sowohl Kinder als auch Eltern von- und miteinander. Das Aufgreifen der Spielideen der anderen Eltern bringt oft eine neue Dynamik in die Gruppen, regt die Eltern untereinander zu Kreativität an. Der Onlineunterricht erschwert diesen Austausch und das persönliche Kennenlernen der Eltern. Auch mir als Unterrichtende fehlt die spontane Resonanz der einzelnen Teilnehmenden sowie der Gruppe. Trotz allem schaue ich Woche für Woche in freudige Eltern-Gesichter. Dies ist für mich die Motivation mich immer weiter mit dieser Form des Unterrichtens auseinanderzusetzten und das möglichst beste aus der Situation herauszuholen.“

Friederike Gauseweg unterrichtet seit 2018 an der Stuttgarter Musikschule im Fachbereich EMP (derzeit Singen-Bewegen-Sprechen, Eltern-Baby Kurse und Musikgeragogik).

Die Berichte sammelte Holger Spegg
Foto: Holger Spegg

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