Ich war danach auf einem anderen Planeten… – Künstlergespräch mit Obi Jenne

„Ich war danach auf einem anderen Planeten…“ – ob sich das wohl auch eine(r) der anwesenden jungen Schlagzeuger*innen gedacht hat, nachdem Obi Jenne mehr als eine Stunde lang aus seinem Leben erzählt, eine faszinierende Drumset-Improvisation hingelegt und offenherzig spieltechnische Tipps gegeben hat?

Foto Künstlergespräch

Nachlese / Bericht: Künstlergespräch am 18.3.2019

Rund 20 Zuhörer begegneten am 18. März im Karl-Adler-Saal der SMS im Rahmen eines „Künstlergesprächs“ dem Schlagzeuger, Pianisten, Arrangeur und Komponisten Obi Jenne. Eingeladen hatte ihn die „Hörgang“-AG, die regelmäßig Musikschüler*innen zu Konzertbesuchen animiert. Die Moderation und Gesprächsleitung führte Oliver Hasenzahl.

„Ich war danach auf einem anderen Planeten…“ – mit diesem Satz fasste Obi Jenne die Wirkung eines Erlebnisses aus seiner Jugend zusammen. Damals begegnete ihm Elvin Jones, der berühmte Schlagzeuger des John-Coltrane-Quartetts, und nicht nur das: Der zwölfjährige Jenne durfte einige Tage lang von Jones lernen. Danach war kein Halten mehr: Obi wusste, welchen Weg er gehen würde. Auf die nächste Lateinarbeit konnte er sich schon gar nicht mehr konzentrieren. Statt den Text zu übersetzen schrieb er die Namen aller berühmten Jazz-Musiker, die er kannte, auf das Aufgabenblatt, was sicherlich mächtig Ärger gab. Nach der 10. Klasse verließ Jenne die Schule, um an der Musikhochschule Trossingen (klassisches) Schlagzeug zu studieren. Bereits mit sage und schreibe 19 Jahren bekam er eine Aushilfe an der Mannheimer Oper; später eine Akademiestelle bei den Berliner Philharmonikern.

Einer der spannendsten Aspekte in Jennes Lebenslauf ist der Umschwung von der klassischen Sozialisation (die Mutter hörte gerne Streichquartette, Obi spielte begeistert Klavier) zum professionellen Fulltime-Jazzer. Der Entschluss, nach dem Studium nicht die Festanstellung in einem Orchester zu suchen, sondern eine völlig ungewisse freiberufliche Laufbahn einzuschlagen, war ein sehr bewusster Schritt. Improvisieren in kleinen Besetzungen: Das war es, was er wollte. Heute ist Obi Jennes Tagesablauf von viel Arbeit geprägt: Planung neuer Projekte, Kontaktaufbau zu Kollegen, Üben, Proben, Konzerte (zum Beispiel mit seiner Soul-Band, die es schon zehn Jahre lang gibt). Nebenher führt Jenne noch ein eigenes Veranstaltungsbüro.

Überraschung für Obi Jenne: Im Karl-Adler-Saal haben die Musikschulkollegen ein Drumset aufgebaut. „Ich habe keine Noten mitgebracht – aber wozu bin ich Jazzer?!“, sagte er, setzte sich auf den Schemel und begann zu improvisieren. Mit den Händen erzeugte er auf den Instrumenten Klänge, aus denen sich allmählich klare Rhythmen herausschälten, diese entwickelte er weiter, griff zu den Sticks und führte alles zu einem wilden Höhepunkt. Ein musikalisches Erlebnis, um das uns jede(r) nicht Anwesende beneiden kann!

Von den jungen Zuhörer*innen beim Künstlergespräch kamen spannende Fragen an Obi Jenne: Ob eine klassische Ausbildung hilfreich sei, wenn man Jazzmusiker werden will? Wohin sich die Jazzmusik wohl in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird? Wie man als junge(r) Musiker*in weiterkommt? Auch wurde die allgemeine Neugierde gestillt, was der ungewöhnliche Vorname Obi zu bedeuten hat: Es war ursprünglich ein Spitzname aus Jennes Kindheit und spricht sich eher „Obbi“ als „Obi“ aus.

Nach Interview und Fragerunde bildete sich eine Traube junger Menschen um den Gast, der sich ans Drumset setzte und Tipps zur Schlagzeugtechnik gab. Es wurde ohne Berührungsängste gefachsimpelt, wobei sich erneut zeigte, was für eine einnehmende Persönlichkeit Obi Jenne ist.

Junge Menschen mit Profimusikern zusammenzuführen, die sich auf höchstem Niveau und mit leidenschaftlichem Herzblut der Musik verschrieben haben, ist das Ziel von „Hörgang“, der Konzertreihe der SMS. – Denken wir doch mal zurück: Wann haben wir zuletzt gedacht: „Ich war danach auf einem anderen Planeten…“?

(Text und Bild: Holger Spegg)

Obi Jenne spielte mit den Stuttgarter Philharmonikern am 25. März in der Stuttgarter Liederhalle ein Konzert, das in die „Hörgang“-Konzertauswahl aufgenommen wurde: https://www.stuttgarter-philharmoniker.de/2342.html

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